14. Feb, 2021

Pfingsten

Sicher kennt jeder die Geschichte „Ich denke oft an Piroschka“ einen kleinen Film über einen unbeschwerten Sommer. So denke ich oft an Gerald und an meine unbeschwerten Sommer mit ihm.

Jedes Jahr zu Pfingsten hatten meine Eltern Ihren Jahresurlaub. Donnerstags früh wurden Brote geschmiert, Kaffe gekocht, die Thermosflasche gefüllt, Decken und Kissen ins Auto verfrachtet, Wasser für den Hund in Flaschen abgefüllt, Koffer in den Kofferraum gehievt und das wichtigste die Frankreichkarte eingesteckt. Dann begann unser gemeinsamer Urlaub. Unser Reiseziel Niort, ein kleines Dorf bei La Rochelle.

Die Reise selbst war sehr beschwerlich, denn mein Vater wollte ankommen, also keine Zeit für eine Rast oder eine Unterbrechung, er fuhr durch, das hieß, Toilettengänge wurden eingeschränkt. Es wurde nur angehalten, wenn der Hund raus musste.               

In Niort angekommen, wurden wir schon mit viel Freude und lautem Hallo, Küsschen rechts, Küsschen links, erwartet, von Madam und Monsieur Bonnont. Madam hatte in der alten Bauernküche aufgetafet, der Patron begrüsste uns mit einem ausgezeichneten schweren Rotwein, es wurde geschlemmt, getrunken, geraucht, gelacht und in alten Erinnerungen geschwelgt. Immer und immer wieder berichtete Monsieur davon, wie das damals war: Als ihr Kriegsgfangener Horst auf dem Bauernhof ankam, wie Madam ihn nicht mochte, war er doch der Feind, der Deutsche, der Unmensch! – Dann jedoch, als Horst aus der Kriegsgefangenschaft nach Jahren entlassen wurde, ihr Horst musste zurück nach Deutschland, ihr Horst, den sie wie einen Sohn liebten, ach was waren sie damals traurig und wie verlassen fühlten sie sich ohne ihn! – doch, jetzt ist Horst da und alles ist wunderbar und eine Überraschung ist auch da!   

Die Überraschung entpuppte sich als Gerald, ihren Enkelsohn. Er war meinetwegen gekommen, damit ich mich nicht langweilte, und einen Spielkameraden hätte. Er war älter als ich, mindestens sechs Jahre, so viel zum Spielgefährten, da stand er vor mir: groß, schlank, dunkles fast schwarzres Haar, warme braune Augen, aus denen der Schalk blitzte.“ Na, mein Petit, was meinst du, sollen wir morgen etwas aufregendes unternehmen, nur du und ich“? –

So begann es, Pingsten 1961. Es wurde das schönste und aufregendste Pfingstfest meines Lebens! Mit den Rädern fuhren wir jeden Morgen nach La Rochelle, Gerald zeigte mir seine Stadt, wir gingen Eis essen, tollten am Strand, bestaunten den Atlantik, besuchten die Händler, aßen frische Muscheln, Austern und immer Gerald; “Mon Petit, gefällt es Dir, was möchtest Du machen, ist es schön für Dich“? - Nachmittags musste mein Gefährte dann auf den Acker, um die Kühe zu hüten, da saßen wir dann im Gras, Gerald erzählte aus seinem Leben, da er mit seinen Eltern in Allgerien lebte und dort war alles anders. Ich sollte in dieser Zeit Französich lernen, doch mon amie fand es viel besser sein deutsch zu verfeinern. Die Zeit verfolg, es war Dienstag nach Pfingsten, unser Urlaub beendet, wie mussten zurück! Ich war traurig, die Tage waren zu schön gewesen, wie würde ich diese Zeit vermissen. Zu Hause angekommen, überraschten mich meine Eltern - Madam, Monsieur und Gerald hatten mich eingeladen für die gesamten Sommerferien.

Es wurden unvergessliche Ferien mit Gerald und mir, mit mir und Gerald. 

Durch ihn lernte ich alle großen französischen Dichter, Musiker, Schauspieler, Maler, Land, Leute und die französiche Lebensweise kennen und lieben. Wir beide verbrachten drei gemeinsame Sommerferien, hüteten gemeinsam die Kühe, hörten dabei Jaques Brell, Juliette Greco, Charles Aznavour, diskutierten über Serge Gainsbourg, Gerald lernte die deutsche Sprache. Ich vergötterte ihn. Wenn wir durch die Altstadt von La Rochelle schlenderten, sahen ihm die hübschesten Französinnen bewundernd nach. „Gerald, sieh doch nur, wie dich die schönsten, jungen Frauen anhimmeln“. „Mon Petit, das können sie aber, ich bin doch mit dem schönsten, hübschesten und intelligentesten Mädchen unterwegs, welhalb sollten mich da andere interessieren“?                                        Er lachte mich an, Küsschen rechts, Küsschen links, dann ging es weiter zum Museum des Bunkers von La Rochelle. – Von Gerald habe ich viel gelernt, er, wie er mir versicherte auch viel von mir. Wenn ich an ihn denke, ich denke oft an ihn, dann immer mit tiefer Dankbarkeit, er hat mich in meinem Selbstvertrauen gestärkt, mir sehr viel Liebe, Zärtlichkeit, Kraft und Zuvesicht gegeben. Sein Humor, welcher manches mal leicht in Sarkasmus überging, veblüffte mich immer wieder. Drei Sommer, voller Lebensfreude, Leichtigkeit, Übermut, unvergessenen Diskussionen, nie endender Zärtlichkeit. 

Vor vierzehn Tagen rief mich Johnny an, (Johnny ist der Sohn von Gerald - nach Johnny Hallyday, dem wir beide sehr mochten und schätzten).“Mon petit, dein Halbbruder Gerald ist verstorben, er wird neben eurem Vater, vor der Insel IL de Re im Atlantik bestattet, ich weiss, Corona – du kannst nicht kommen, – wir denken an dich“.