DAS 10.30 UHR RITUAL

Morgens 10.30 Uhr. Ich liebte diese Zeit, denn diese tägliche Stunde von Montags bis Freitags gehörten mir und meiner Tante.  Denn um diese Zeit waren wir beide allein, ich musste ja nicht in den Kindergarten gehen und meine Cousinen und mein Cousin waren in der Schule. Gespannt saß ich bei meiner Oma im Wohnzimmer und blickte gebannt auf die Uhr, endlich war es soweit, es war halb elf! Oma nickte mir zu und meinte:" Na, da geh schon mein Kind." Fröhlich lief  ich zur Tür und hüpfte die Treppe hinunter. Im unteren Flur angekommen, ein kurzes klopfen an die Küchentür und schon war ich im Reich meiner Tante. Da saß sie, malte ihren Kaffe und fragte wie jeden morgen:" Möchtest du einen Kakao?" Natürlich wollte ich. Der Kaffee war aufgebrüht, die Schokolade stand dampfend vor mir - und dann begann unser beider Ritual. "Tante erzähl mir, wie war das, als Du noch bei deinen Eltern lebtest?" Und meine Tante erzählte. Sie war  mit ihren zwei Schwestern auf einen großen Bauerhof aufgewachsen. Alle hatten sehr viel Arbeit, doch diese bereiteten ihnen Freude. Außer am Montag, denn Montags war Waschtag, das hieß um 4.00Uhr aufstehen, die Wäsche aus den heißen Kessel nehmen, diese waschen, scheuren, spülen, auswringen und auf die Leine hängen, besonders im Winter war das sehr beschwerlich. Draußen war es nass und kalt und die Hände wurden klamm, die Haut riss ein. - Ich schaute zu den Händen meiner Tante, sie waren groß und schwer aber wunderschön.- Danach wurden geschwind die Tiere gefüttert, dann ging es auf die Felder, die Feldarbeit wechselt es wurde geeggt, gesät, gehackt, gedroschen. Am Nachmittag war auch kein Müßiggang angesagt, da wurde das Obst eingekocht und Kuchen gebacken. "Und dann, Tante erzähle, was passierte dann?" Aufgeregt wippte ich auf meinen Stuhl hin und her. "Ja, Jette, dann wurde ich in das Heim für höhere Töchter geschickt, du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie schön es dort war! Das Heim war in einem großen herrschaftlichen Haus, mit englischen Möbeln, vielen Bücherregalen  und großen blauen Blumentöpfen. Wenn du groß bist Jette, musst du dir unbedingt so etwas anschaffen, versprich mir das!" " Natürlich, das mache ich, aber erzähl weiter." Dort habe ich dann alles gelernt in diesem Pensionat, das Nähen, das Kochen, das Putzen, das Schneidern, die Vorratshaltung und natürlich die Kindererziehung und dann, als die Ausbildung zu Ende war, begab ich mich auf den Heimweg. Du musst wissen Jette, deine Tante ist weltgewandt und weitgereist." " Aber Tante, erzähl, erzähl weiter, es ist so spannend, was passierte dann?" "Also, im Heim hatten sie uns Mädchen noch sehr hübsch eingekleidet und die Haare frisch onduliert, sogar einen hübschen Hut habe ich bekommen. Also, ich fuhr mit dem Zug zurück, kam am Bahnhof an, stieg aus und da sah ich ihn, den Peter, er sah mich und pfiff mir anerkennend zu, verbeugte sich und zog seinen Hut vor mir. Du glaubst gar nicht, wie gut ich mich fühlte.Später, dann am Nachmittag, ich stand an unseren Fenster von der guten Stube, da kam er vorbei, zwinkerte mir zu und pfiff wieder anerkennend." Plötzlich überzog sich das fröhliche, strahlende Gesicht meiner Tante mit Traurigkeit. "Tante was hast du denn?" " Am selben Abend kam dann mein Vater unter sagte mir, dass er einen Bräutigam für mich habe, alles sei schon abgesprochen - so heiratete ich also deinen Onkel, aber jetzt geh schnell ich muß das Mitagessen vorbereiten. Den blauen Blumentopf habe ich heute noch und die englischen Bücherschränke auch.

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DER KÜCHENTISCH

In der Küche meiner Tante gab es einen sehr großen Tisch. Er musste wohl so groß sein, denn ihre Familie zählte 6 Personen, wenn meine Familie noch dazu kam plus meiner Großmutter bot er Platz für 10. Am Tisch gab es eine ungeschriebene Ordnung, diese war immer einzuhalten und wehe dem, der sich nicht danach richtete! Am Tischende thronte mein Onkel, er war der Herr im Hause! Schließlich verdiente er das Geld und sorgte für den Unterhalt seiner Familie. Was mich als kleines Kind am meisten irritierte war das Ritual des Tischdeckens und das Essen. Also: Am Platz meines Onkels musste immer sein Brett, sein Messer, sein Glas oder seine Tasse stehen! Doch das war noch nicht genug, in seiner unmittelbaren Reichweite die Butter, das Brot, die Wurst, der Käse, der Fisch. Wenn ein anderes Mitglied der Familie Brot, Butter, oder Marmelade brauchte und diese nicht sofort zurückstellte, war plötzlich eine lautes Klopfen zu vernehmen. Ungeduldig pochte mein Onkel mit seinem Messer auf den Tisch und die Frage erklang: "Wer hat meine Butter?" Sofort breitete sich eine unangenehme Stille aus, alle schauten auf den Tisch, suchten die Butter, diese wurde erblickt, erschrocken sprang jemand auf, um dieselbe sofort dem Patron zu bringen. Ich, die ich meine Tante abgöttich liebte, konnte ihr bekümmertes Gesicht nicht ertragen, denn ich war die Übeltäterin gewesen. Daher fragte ich meinen Onkel: "Spielst du Schneewittchen und die sieben Zwerge?" - Eine atemlose Stille trat ein! Hatte ich etwas falsches gefragt? " Sag doch Onkel, spielst du das, denn die Zwerge haben doch auch immer gefragt, wer hat mein Brettchen verstellt?" - Die Stille wurde unerträglich. Was war nur passiert? "So, da kann ich in meinem eigenen Hause nicht in Ruhe zu Abend essen, muss mir von der Göre so etwas anhören. Ich gehe." Ertönte es von meinem Onkel, welcher puterrot im Gesicht geworden war, er erhob sich zog sich seine Jacke an, setzte die Mütze auf und verließ wutentbrannt die Küche. Meine Cousinen sowie mein Cousin waren muchsmäuschen still, meine Tante war erleichtert und meine Gro0mutter meinte:" Jette, das hast du gut gemacht, jetzt lasst uns schön gemütlich essen." Das Radio wurde angestellt, so dass es noch ein sehr schöner Abend wurde. Dann, nach dem Essen wurde alles hurtig abgeräumt, der große Tisch wurde ausgezogen, denn darunter verbargen sich zwei weiße Schüsseln, in denen das Geschirr abgewaschen wurde. Später am Abend, zum Kaffee kam noch mein Vater, hörte sich mein Vergehen an, umarmte und drückte meine Tante. Als er dann mit mir die Treppe zu unserer Wohnung hinaufging meinte er zu mir: "Jette, ich bin sehr stolz auf dich und merk dir mein Kind, lass es niemals zu, das dich ein Mann je so behandelt, denn dazu hat er keinRecht."

MAREIKE

Vor einiger Zeit habe ich Mareike getroffen. Beim Globus, in der Cafeteria. Mareik? - Jette? - Wir hatten uns lange nicht gesehen. Wie lang war das her? 50 Jahre! Dass wir uns noch erkannten war fast ein Wunder. Zu Mareike hatte ich eine sehr eigenartige Beziehung. Damals vor 50 Jahren, kam sie zu mir:" Jette, Du musst mir helfen, ich bin schwanger und ich kann das Kind nicht bekommen - mein Mann möchte keine Kinder". Ich half ihr dann, wie und wo, dass ist eine ganz andere Geschichte.

Mareike erzählte dann, sie lebe alleine schon sehr viele Jahre. Ihr Mann sei ja damals verschwunden und nie mehr aufgetaucht. Das mit dem Kind - nein, nein, das habe sie niemals bereut. "Du weißt ja Jette, ich habe doch immer als Bedinung gearbeitet, zuerst bei George in der Eisdiele, dann später bei Franco im Restaurant. Ach, dass war immer sehr schöne Arbeit und Männer, Jette, - Männer habe ich immer kennengelernt. Schöne Männer, interssante Männer und die haben mir stets ein ordentliches Trinkgeld gegeben". Ja, ich erinnerte mich, Mareike war im Dorf bekannt, stets fröhlich, zuvorkommend, sie entsprach so gar nicht dem damaligen Schönheitsidol. Nein, Mareike hatte eine füllige Figur, ich verglich sie immer mit einer Rubensschönheit, doch ihr Wesen war einfach liebenswert, ich mochte Mareike sehr. So erzählten wir, schwelgten in Jugenderinnerungen, weißt du noch dies, oder das - die Zeit verging wie im Flug.

"Mareike, doch nun erzähl mir, wie war das mit deinem Mann, ich habe davon gehört, doch genaueres weiß ich nicht".

" Gut Jette, ich werde dir die ganze Geschichte erzählen. Du wohnst ja sehr weit weg und außerdem bin ich sehr krank, mein Arzt sagt, ich habe noch höchstens sechs Monate. Nun schau nicht so, ich habe mein Leben gelebt und genossen, nachdem Siggi für tot erklärt wurde habe ich eine nette kleine Witwenrente erhalten und das Haus war ja schon bezalht - du weißt ja, Siggi hatte sehr viel Geld, er war halt soviel älter als ich - aber eine gute Partie! Damals, als wir aus London zurückkamen, ging alles gut. Doch dann, irgendjemand aus dem Dorf muss Siggi was erzählt haben, nein Jette, unterbrich mich nicht, ich weiß, dass du es nicht warst. Du glaubst gar nicht, wie mein Mann sich aufgeregt hat! Ich sei fremdgegangen - was ist denn das übrigens für ein Wort fremdgegangen, ich habe mit einem anderen Mann geschlafen, und fertig. Fremdgegangen! Da wollte sich doch Siggi tatsächlich scheiden lassen. Aber das sage ich dir Jette, das konnte er mit mir nicht mache, nicht mit mir! Glaub mir Jette, ich hatte keine andere Wahl"! " Wie keine ander Wahl"? "Na , ich habe ihn abgemurkst, du glaubst gar nicht wie schwierig das war, erst ordentlich Schlaftabletten, dann mit dem Kissen erstickt. Die Leiche? Na das hatte ich mir vorher gut überlegt, du weißt doch, der Karli, was du kannst dich an Karli nicht erinnern? Der Karli, der hat doch für diese Firma in Mannheim gearbeitet, die die großen Flachdächer gemacht haben und der Karli, der musste doch immer Sonntags nach Mannheim fahren, und den riesigen Teerbrenner anzünden, damit sie Montags die Pappe auf das Dach kleben konnten.Über 1000Grad wird der Brenner heiß, ja das hat mir der Karli erzählt.Nun, da habe ich dem Karli vorgeschlagen, dass ich fahren werde, damit er so richtig den Sonntag genießen kann, Karli hat das dann auch gemacht. Jette, dann jedoch hatte ich sehr viel Glück, wegen der Ölkrise, da durfte man doch Sonntags nicht fahren, doch Karli hatte eine Sondergenehmigung wegen der Arbeit und so. Ach Jette, schau nicht so entsetzt, dass ist doch nun schon Jahre her. Wie Mord verjährt nicht? Welcher Mord dann? Gibt es eine Leiche? Nein, Jette der Siggi liegt jetzt schön verteilt in der Sonne. Du glaubst nicht, welche Wuchterei das war, erst aus dem Auto raus, dann in den Aufzug, dann auf dem Dach, ich habe fast eine Stunde gebraucht, um Siggi in den Brenner  zu hieven. Ach Jette, du glaubst gar nicht, wie gut mir das tut, mir das ganze von der Seele zu reden. Lass uns noch einen Cognac trinken, den brauche ich jetzt, und du sicher auch!

Gestern las ich die Todesanzeige von Mareike.

 

 

 

Tschabego

TSCHABEGO

 

Jettes Welt wurde anders, als sie Micha begegnete. War ihr bisheriges Leben, nach der Flucht,  ernst, voller Verantwortung und Entbehrung und traurig gewesen, kam mit Micha Lebensfreude, Optimismus, Frohsinn, unbändiges Lachen und Abenteuer zurück.

Gewiss, jeder im Dorf, der Micha kannte, meinte: "Jette dies ist kein Mann für Dich! Das ist ein Sonnyboy! Was willst Du mit einen solchen Mann“?

Ja, was wollte Jette mit einem solchen Mann? – Sie wollte mit ihm leben, glücklich sein, die Tage und Nächte mit ihm verbringen. Täglich in diese blauen Augen sehen,  aus denen immer der Schalk zum Vorschein kam. Da war diese Unbekümmertheit, diese unbändige Lebensfreude. Es nütze auch nichts, dass ihr Vater ein ganzes Jahr  nicht mehr mit ihr sprach.  – Jette, Kind, das ist kein Mann für dich, sei doch vernünftig. –

Nein, vernünftig war sie lange genug gewesen. Es war herrlich mit Micha unvernünftig zu sein. Micha und Jette, Jette und Micha, sie gehörten einfach zusammen wie Tag und Nacht. Micha zeigte Jette ein Leben von dem sie nicht wusste, das es existierte. Sie zogen von einer Party zu anderen, tanzten nächtelang in der Disco.

Wöchentliche Kinobesuche waren eine Pflicht, danach wurde diskutiert und debattiert was Fassbinder mit seinen Filmen sagen wollte.

Samstags wurde Michas R4 start klar gemacht, Brote geschmiert, Cola und Kaffee eingepackt an ab ging die Post. Jette kannte ja noch nichts  - also an die Mosel, an den Rhein, den Neckar, nach Luxemburg, Paris, Strassburg, in die Vogesen, nach Belgien an die Nordsee. Herr Böll, Herr Zweig, Herr Kafka waren auf diesen Kurzreisen ihre ständigen Begleiter – es war alles spannend, aufregend und wunderbar.

Da Jette nicht besonders gut Auto fahren konnte, brachte Micha es ihr bei. Das Einparken auf engsten Raum wurde wieder und wieder geübt, sowie: Wie fährst du richtig auf eine Autobahn auf, wie wird dort überholt, ebenso das Fahren eines Lkws, mit und ohne Hänger, Reifenwechsel, Zündungen auswechseln, Keilriemen erneuern, standen auf den Lehrplan, denn: "Jette, das mußt du können! Nichts ist schlimmer, als Frauen, die zwar einen Führerschein haben, jedoch nicht wissen, wie man einen Reifen wechselt oder Schneeketten aufzieht".

Nach einigen Jahren  bezogen sie eine gemeinsame Wohnung. Das neu Heim wurde renoviert und wieder ging Jette in die Lehre bei Micha. So werden Fugen abgedichtet, so wird mit der Wasserwage gearbeitet, so wird tapeziert, so werden die Fenster gestrichen und Bilder werden so aufgehängt. Nach Instandsetzung der Wohnung - "Siehst du, jetzt kannst du das auch alles", luden sie  Freunde ein, kochten gemeinsam und waren glücklich.

Selbst als Jette die Meerschaum  - Pfeife von Micha mit Ata reinigte, weil sie so schmutzig war, konnte er ihr nicht ernsthaft böse sein.

Der Tabak war aufgebraucht, also musste Micha schnell noch ein Päckchen Rothändle kaufen gehen. Micha verspätete sich, sicher hatte er in der Kneipe noch Freunde auf ein Bier getroffen. – Doch am nächsten Morgen war er auch noch nicht zurück. Jette war sehr beunruhigt, war etwas passiert? War ein Unglück geschehen?  Die Polizei wurde eingeschaltet, eine Suchmeldung aufgegeben. Nach vier Tagen endlich ein Anruf, von einem fremden Mann  – Micha hatte ihm seinen R4 in Saarbrücken am Bahnhof verkauft. - Er bräuchte dringend das Geld, denn er müsse nach Tschabego, sofort, er könne nicht anders.

Genau drei Tage schloss sich Jette in  der Wohnung ein, danach hatte sie keine Tränen mehr.  

MARIENFELDE

MARIENFELDE

 

In Westberlin angekommen, übernachteten wir in einem Obdachlosenheim. Die Männer getrennt von den Frauen. Meine Mutti weinte die halbe Nacht, ich war zutiefst enttäuscht, denn es gab keine Hochzeit, keine Feier, kein Stück Hochzeitstorte. – Die Fahrt zur Hochzeit war gelogen – wir waren, wie man damals so sagte: „ABGEHAUEN in den Westen“!!! Nachdem Frühstück, es gab für jeden ein Marmeladenbrot und einen Pott Muckefuck –  ab nach Marienfelde in das Flüchtlingslager. Wie sich das anhörte: Flüchtlingslager – ich war jetzt also ein Flüchtlinskind, das fühlte sich nicht gut an, wie gut, dass ich damals noch nicht wusste, dass ich über 10 Jahre ein Flüchtlingskind bleiben würde.

Schlangen von Menschen erwarteten uns in Marienfelde, wo sollten wir uns anstellen? Wo war die Aufnahme? Nach einigen hin und her, fanden wir endlich die richtige Menschenmasse. Mein Vater meinte: „Schau doch einmal, welch ein Glück wir haben, wir haben keine großen Koffer bei uns, wir müssen uns nicht abschleppen, ich habe nur meine Aktentasche und deine Mutti hat nur einen kleinen Koffer“. „ Ja, mit einem Brokatkleid zur Hochzeit für mich, und für das Kind ein blaues Samtkleid – das wird uns sehr viel nützen“ antwortete meine Mutti. – Was meinen Vater veranlasste wieder einmal festzustellen: „Mein Kind, deine Mutter hat die Angewohnheit immer alles negativ zu sehen“. Nach sehr, sehr lange Wartezeit, Vorlage unser Pässe      (die Pässe behalten wir ein – oder wollen sie etwa zurück ?) waren wir registriert, bekamen unser Wohnblock zugewiesen, eine 1.Zeichnung: Sie sind jetzt hier – roter Kringel – ihr Wohnblock ist dort 2. roter Kringel, da ist die Kantine 3.roter Kringel – Mittagessen ist vorbei, sie müssen bis heute Abend warten. Die Geschirrausgabe ist an dieser Stelle – 4. roter Kringel. Bettzeug bekommen sie dort 5. roter Kringel.

 

2. Laufzettel: „Sie müssen zunächst zu den Amerikanern“

 – „Wieso“? „ Ja, sie könnten ja Spione sein – dass müssen wir zunächst überprüft. Dann müssen sie zu den Engländern“ – „Wieso zu den Engländern“? „ Dort werden sie auch überprüft. Dann, zu den Franzosen – auch diese werden überprüfen, wer sie sind, was sie sind und weshalb sie die SBZ verlassen haben“. Die Frage meines Vaters, ob wir auch zu den Russen zwecks Überprüfung müssten, wurde nicht so gut aufgenommen! „Danach, gehen sie zu den deutschen Behörden, diese können dann anhand der Überprüfungen feststellen, ob sie bleiben dürfen oder nicht und es wird weiter festgestellt, ob sie einen Flüchtlingsstatus bekommen – nicht dass hier jeder kommen kann“! Auch der Einwurf meiner Mutter, dass wir ja Deutsche wären und nach den Gesetzen der BRD jeder  seinen Wohnsitz frei wählen könne – wurde auch nicht positiv bewertet. Wie ich es gelernt hatte, verabschiedete ich mich sehr brav von dem – schrecklichen Herrn mit dem Satz: „ Auf Wiedersehen, und ich; nur dass Sie es wissen, ich bin kein Spion“. – Auch noch aufmüpfig – diese Flüchtlingskinder! 

DIE KAMMER

Die Kammer

 

Großmutter lebte in unserem schönen Haus in Barleben in der oberen Etage. Man stieg eine leicht gewundene Treppe hinauf, öffnete die obere Flurtür, dann gleich rechts war die Tür zu ihrer Wohnung. Das Reich meiner Großmutter bestand aus drei Zimmer: Wohnzimmer, Küche und Kammer. – Toilette war im Hof.

Gleich links neben der Eingangstür befand sich der sehr große Kachelofen, rechts neben diesen stand, in einer kleinen Nische,  ihr Schemel, seitlich vor dem wärmespendenden Ungetüm mein kleiner Hocker. Gleich neben der Nische ging es durch die zweite Tür schon in die Küche. Diese war unter der Dachschräge: hier wurde gekocht, gebraten, gebacken eingekocht und sich gewaschen. Im Wohnzimmer standen neben der Küchentür eine Chaiselongue, (diese war noch aus den besseren Zeiten, als Oma noch unten im Hause, die große Wohnung ihr Eigen nannte) davor der Tisch sowie drei Stühle. Gleich neben dem zweiten oberen Stuhl war das  Fenster, daneben über Eck stand, auch aus den guten alten Zeiten, ein Vertiko aus Rosenholz, neben dem Vertiko befand sich der Servierwagen, dieser war immer komplett eingedeckt mit einem schönen japanischen Teeservice.( Dieses sollte ich einmal erben, wenn sie nicht mehr ist. Habe ich auch geerbt. Aus dem schönen Service bekommen meine Kunden ihren Tee)

 Dann, neben diesen war die Tür zur Kammer. Auch die Kammer war unter der Dachschräge, hier stand  der Nachtisch, unter der Schräge das Bett sowie ein Regal mit allen Vorräten, Weckgläser mit Äpfel, Pflaumen, Kirschen, Rhabarber, Apfelmus, Leberwurst, Blutwurst, Hühnerbrühe, sowie eingekochtes Fleisch.

 Die Schräge der Kammer war nicht gedämmt, lag man im Bett, so konnte man die Ziegel zählen und durch die Dachluke den Mond und die Sterne beobachten. Sie hatte den großen Vorteil, so meinte zumindest Oma, dass hier immer genügend frische Luft war, und „Jette hier in dieser Kammer ist den Vater wieder gesund geworden – daher liebe ich diese Kammer".

 Oma, die auf ihren Schemel saß, sich an dem Kachelofen ihren Rücken wärmte, erzählte: „Dein Vater Jette ist  mit sieben Jahren sehr, sehr krank geworden, er erkrankte an einer offenen TBC.

Das war damals sehr, sehr schlimm es gab ja noch kein Penizillin. Offene TBC, musst du wissen ist eine sehr ansteckende Krankheit – also musste dein Vater in Quarantäne. Ich wollte nicht, dass er in irgendein Krankenhaus kam – denn wer konnte ihn besser pflegen als ich? Damals wohnte ich noch unten, in der großen Wohnung in der jetzt dein Onkel mit seiner Familie lebt.

 Also quartierten wir ihn hier oben in der Kammer ein. Jette, ich sage dir es war schrecklich für deinen Vater, er wollte einfach nicht gesund werden. Es trat eine Besserung ein und dann wieder ein Rückschlag so ging es Monat um Monat. Dein Vater war sehr geduldig und das Gute war, das er schon lesen konnte. Immer, wenn das Fieber etwas sank musste ich ihm etwas zu lesen bringen, er las und las jeden Fetzen der bedruckt war. Unser Pastor brachte mir sämtliche Bücher die er entbehren konnte, er sammelte in der Gemeinde Bücher über Ritter, Heldengeschichten, Entdecker, Weltreisende, Erfinder, Biografien, Märchen und Sagen. Dein Vater verschlang alles – was sollte er auch sonst tun außer lesen? Unser Dr. Schuppe, der ja auch noch sehr jung war, brachte jede Woche alle Zeitungen, Zeitschriften, sogar wissenschaftliche Artikel mit. Und dann, Jette endlich nach einem Jahr und sieben  Monaten war dein Vater wieder ganz und gar gesund. – Sehr oft Jette wenn ich in meinen Bett in der Kammer liege – dann denke ich wie hat der Junge das nur ausgehalten“?

Als mir meine Großmutter die Geschichte über die Krankheit meines Vaters erzählte war ich selber noch ein kleines Kind von sieben Jahren, sicher dachte sie, das werde ich schon aushalten.

Später als ich selber etwas erwachsen – und immer verblüfft war, über das immense Allgemeinwissen meines Vaters – hatte er doch nur acht Jahre die Volksschule besucht, da dachte ich sehr oft: Wie hat er das nur ausgehalten und wieso ist er ein solcher Optimist geworden?

 Und meine Großmutter? Sie war damals schon drei Jahre Witwe – wie hat sie das geschafft und ausgehalten?  

Und noch später, als ich erwachsen war, da dachte ich  mir: Sei optimistisch, es ist sicher vieles zu schaffen und auszuhalten.

      

DIE ZIGARRENKISTE

Die Zigarrenkiste

 

So lange meine Erinnerung zurückreicht, hatte ich eine Zigarrenkiste. Diese hatte ich von meinem Vater bekommen! Die Kiste war natürlich leer und außerordentlich schön. (Ich weiß gar nicht, gibt es heute noch so sehr schöne Zigarrenkisten)? In den Deckel der Kiste hatte mein Vater einen großen, jedoch nicht zu großen Schlitz gemacht, dann wurde sie rings herum mit Leukoplast zugeklebt – fertig war meine Sparbüchse.

Mein Vater überreichte mir das wunderschöne Geschenk mit den Worten: „ Sieh Jette, dort an der Wand hängt ein Tageskalender, von diesen reißt Du jeden Tag ein Blatt ab, dann fragst du Deine Oma, Omia, Tante, Onkel, deine Mutti oder mich nach einem Geldstück. Sei es ein Pfennig, ein Groschen, ein fünfzig Pfennig – Stück oder sogar eine Mark. Wenn du das Geldstück bekommen hast, wickelst du es in das Kalenderblatt – und ab in die Kiste. So hast du immer dein eigenes Geld um dir einen Wunsch zu erfüllen“ Ab diesen Tag nervte ich meine ganze Familie, doch niemand schlug mir meine Bitte ab, von Tag zu Tag füllte sich meine Kiste zusehends. Besonders ergiebig waren die Besuche bei meinem Großvater, dieser meinte, man könne auch einen Schein einwickeln – dass würde meinen Vater gewiss nicht stören.

Jeden 1. Januar wurde die Kiste geleert –  ich durfte mir kaufen, was ich wollte, und ich bekam von meinen Vater eine neue. Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich die schönste Kiste, sie kam aus Kuba. So eine wunderschöne hatte ich noch nie bekommen.

Eines Tages herrschte große Aufregung in meiner gesamten Familie! Wir – also meine Eltern und ich waren eingeladen zu einer  Hochzeit, bei meines Vaters Cousine. Wie meine Oma mir erzählte, wohnte die Tante in Berlin – in West Berlin, mein Vater sei schon dort, da er Trauzeuge sei, er würde mich und meine Mutti am Bahnhof Zoo abholen!

Geschwind packte meine Mutti einen kleinen Reisekoffer (mit ihrem grünen Brokatkleid – für besondere Anlässe, sowie meine schwarzen Lackschuhe und das blaue Samtkleid auch für besondere Anlässe). In aller Eile hasteten wir zum Bus, der nach Magdeburg fuhr, was halt sehr eigenartig  war, da selbst mein Onkel uns begleitete. Meine Oma umarmte mich ganz fest und innig: „ Jette blamiere uns nicht“. Mein Onkel gab mir eine dicken Kuss, (wann hatte er mich je geküsst)?  „Jette pass auf dich auf“. Endlich, nachdem meine Tante mich gedrückt und geknuddelt hatte, „Jette gib deinen Vater einen Kuss von mir“ ging es los. Im Magdeburg, am Hauptbahnhof, erwarteten uns schon meine Omia und meine Tante Ilse mit einem großen weißen Chrysanthemen Strauss und den Worten: „Na ihr beiden, die Blumen für die Hochzeit habt ihr doch vergessen, dachten wir uns.“ Wieder wurde ich geherzt und gedrückt – als ob ich eine Weltreise machen würde! – Komisch war nur, genau wie am Bus in Barleben – meine Mutti wurde nur  angesehen und gar nicht umarmt?

Der Zug nach Berlin fuhr ein und endlich begann die große Reise. Ich plapperte aufgeregt vor mich hin und erzählte allen Mitreisenden, dass wir zur Hochzeit fahren, dass es dort leckeren Kuchen gibt und dass die Braut wunderschön sei! Jawohl! Meine Mutti las im Buch „ NANA“ „Aber Mutti, freust du dich so sehr auf die Hochzeit? Du hälst ja das Buch verkehrt herum“! Die plötzlich Stille im Abteil wurde durch das Erscheinen der Grenzpolizei unterbrochen. Ach, wie spannend, die zwei Beamten wussten ja noch nicht, dass ich zur Hochzeit eingeladen war. Lang und breit berichtete ich ihnen davon – auch; dass wir in die Kirche gehen würden. Und meine Tante wäre sowieso die schönste Braut, die es je gab. Jawohl, dass hat mir meine Oma erzählt! – Mit den Worten „ Na dann; kleiner Sputnik; viel Spaß auf der Hochzeit“ verließen die zwei das Abteil.

An der nächsten Station – Bahnhof Zoo konnte ich endlich meinen Vater in die Arme fallen.“ Schau Jette, hier gib es sogar Bananen und Orangen, wir fahren jetzt noch mit dem Bus zu unserer Unterkunft – und wenn wir dort sind verrate ich Dir ein großes Geheimnis“. Mein Vater benahm sich sehr eigenartig, schenkte er doch dem Busfahrer, als wir ausstiegen, den schönen Blumenstrauß! Doch da war schon unsere Unterkunft. Vater öffnete seine Aktentasche und meinte“ Jette, schau, was ich extra für dich mitgebracht habe“ und überreichte mir meine gut gefüllte Zigarrenkiste.

Chrysanthemen mag ich bis heute nicht. – Die Unterkunft war ein Obdachlosenheim, am anderen Tag fuhren wir dann in das Flüchtlingslager Marienfelde.

CLEOPRATA

DIE SCHÖNE - EDLE - ZICKIGE - LIEBENSWERTE - ANSTRENGENDE - SANFTE - EMPFINDSAME - AUFMERKSAME- DAMALTINERDAME - CLEOPRATA

Nach zwölf Jahren hat sie uns nun verlassen, ich bin unendlich traurig. Im Haus ist es sehr still geworden, kein Hund mehr, der anschlägt wenn ein Gast klingelt, kein leises aber bestimmtes Bellen, wenn sie in den Garten möchte. Der Küchentisch kann gedeckt bleiben, denn niemand stibitzt etwas vom Tisch. Keine freudige Begrüßung, wenn ich vom Einkauf nach Hause komme. Die Fahrten im Auto sind angenehmer, da keine Hundedame bellt und jault, wenn sie einen Artgenossen sieht. Wir haben viel mehr Zeit, viel mehr Ruhe, zu viel Zeit! Zu viel Ruhe! Meine Hündin fehlt mir! Sie war mir eine treue Gefährtin. Gewiss, sie hat sehr gerne gelesen und als kleiner Welpe ist es ihr gelungen sechs bis acht Bücher zu zerfetzen. Hörte ich ein vedächtiges Knacken, dann wusste ich jetzt hat meine kleine Hündin eine meiner Lesebrillen gekillt. Mein Garten in Mittenwalde wurde gut durchgebuddelt, so dass kein Maulwurf die Chance hatte ein ruhiges Leben zu führen. - In den letzten Woche, als es mir sehr schlecht ging und ich sehr krank war, ist die kleine Dame ganz ruhig, langsam und sehr vorsichtig an mein Bett gekommen, hat behutsam an meinem Bein geschnuppert, um sich dann mit einen tiefen Seufzer vor das Bett zu legen. Die ganzen drei Wochen lag sie ganz still für mehrere Stunden vor dem Bett und bewachte mich. - Ich wurde gesund  und mein Hund wurde krank. - Nun saß ich an Ihren Korb - bewachte den unruhigen Schlaf meiner Schönen und wir nahmen leise Abschied voneinander.

JETTE KIND

Dies ist das Haus meiner Uroma.

Ich bin in Barleben aufgewachsen. In einem drei - Generationenhaus.Unten im Erdgeschoss lebte meine Tante, mein Onkel- der Bruder meines Vaters, sowie meine drei Cousinen und mein Cousin Otto. Oben im Giebel wohnte meine Großmutten, genannt Oma. Im neuen Anbau - mit einem neuen Bad, meine Eltern und ich. Meine Kindheit war wunderschön. Ich war ein sehr fröhliches Kind, immer sehr unbekümmert, hüpfte und tanze durch meine Welt. Da ich die jüngste war, wurde ich von allen geliebt, dass heißt, ich dachte es mir so, denn wer mich nicht mochte, war selber schuld. Den ganzen lieben Tag lief ich in Haus und Hof herum. Es gab immer viel zu entdecken und zu erkunden. War ich eben noch bei meiner Oma, musste ich geschwind die Treppe hinunter, um zu sehen, was es bei meiner Tante neues gab. Tante Ruthi hatte in ihrer großen Küche eine Grude, diese war gleich links neben der Tür fest eingemauert. In dieser Grude wurde immer ein riesengroßer Topf mit Suppe gekocht. Ich liebte die Suppen von meiner Tante, egal ob Linsen - Erbsen - Möhren- oder Bohnensuppe, ich aß sie alle gern. Am besten war die Hühnersuppe - Hühnersuppe mit Reis! Noch heute habe ich den Geschmack im Mund. Die Grude war oben mit einer großen Tür abgedeckt, ( wer keine Grude mehr kennt, ihr müsst sie euch so vorstellen, wie eine kleine Gefriertruhe - nur dass man in ihr eben kochen konnte) und wenn in der Grude das Essen so leise vor sich hinkochte, konnte ich auf dieser Tür herrlich sitzen. Es war gemütlich warm. Ich saß also dort, nervte meine Tante mit hunderttausend Fragen und hielt sie von der Arbeit ab. Bis es meiner Tante zuviel wurde! Dann hieß es: " Ab nach oben mit Dir" Oben, das war bei meiner Oma, ihr oblag es mich großzuziehen, denn meine Mutti arbeitete im Konsum als Filialleiterin. Mein Vater glänzte meisstens mit Abwesentheit, da er Profisportler war. Entweder er fuhr irgendein wichtiges Radrennen oder aber er war im Trainingslager. Ich kann nicht sagen, dass ich meine Eltern in der Woche vermisst habe, hatte ich doch meine Oma, meine Tante, die Kinder und meinen Onkel. Zwei Hunde liefen auch noch auf dem Hof herum, sowie mehrere Katzen, dann waren da noch die Hühner, die Tauben, Kaninchen und zwei Schweine im Stall.  

Von Zeit zu Zeit wurde Sonntags etwas gemeinsam unternommen. Entweder fuhren wir an den Barleber See zum Schwimmen oder zu einen Radrennen, um meinen Vater zu bejubeln. Oder aber wir fuhen raus in die Stadt. So sagte meine Mutti immer: "Kind wir fahren raus, in die Stadt": Die Stadt, das war Magdeburg, dort lebten die Eltern meiner Mutti. Kaum angekommen bei meinen vergötterten Großvater sowie meiner Großmutter, genannt: Omia, wurden Brötchen geschmiert, Kaffee gekocht, (Guter Kaffee, nicht Muckefuck) alles in einen großen Korb verstaut, und es ging weiter nach Biederitz, zu den Eltern von Omia. In Biederitz hatten meine Urgroßeltern einen wunderschönen Garten mit einem riesengroßen Haus. ( ich war damals etwa vier Jahre alt) An einem der Besuche erinnere ich mich ganz genau! Meine Urgroßeltern hatten sieben Kinder, fünf Söhne und zwei Töchter. Von dem Tag an, als der Dorfpolizist meiner Urgroßmutter mitteilte, dass auch ihr vierter Sohn im Krieg, für die Ehre und dem Vaterland gefallen war, sprach sie kein Wort mehr, kein einziges, all die Jahre nicht! -  Bei dem Besuch, sprang ich vom Fahrrad, hüpfte meiner Uroma freudig entgegen und sagte:" Ach, Uromi, wie siehst Du doch heute schön aus!  Genau so schön wie deine wunderbaren Rosen". - Und die Uromi - schaute mich ganz verwundert an, und sagte: " ACH Jette Kind".    

 

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Mit freundlichen Grüßen

MARIE LOCHNER